Alle lieben Randy

Stadtmagazin MARTINI 05/2011:

„Wenn Norwegen so ist, wie diese Frau, dann sollten wir auswandern. Randi Tytingvag hat Halberstadt verzaubert. In einem Kleid mit roten Blümchen und gelben Bommelchen trat die junge Norwegerin bei der 12. Jazznacht auf die Theaterbühne und wickelte das Publikum schon beim ersten Titel mit ihrem Charme und ihrer unglaublich sympathischen Ausstrahlung um den Finger.

Randy Tytingvag
Randy Tytingvag

Sie hat ein bisschen was von einer erwachsenen Pippi Langstrumpf, wie sie da steht, mit ausgebreiteten Armen und diesen sonnig-fröhlichen Apfelbäckchen. Die Musik der 1978 geborenen Sängerin und Songwriterin ist eine Art skandinavische Version des Chansons. Ihre Lieder erzählen Geschichten, mitunter sehr persönliche. „Relay“ etwa widmet Randi Tytingvag ihrer Schwiegermutter, die – im übertragenen Sinn – den Staffelstab von ihrer Mutter übernimmt, als diese stirbt. Ihre Aufgabe: Die traditionellen norwegischen Lieder, ihre „Schätze“, an die nächste Generation der Familie weiterzugeben. Bei Randi Tytingvag sind sie ganz sicher in den allerbesten Händen.

Begleitet von Knut Aabø (Piano) und Thomas Bang (Bass) präsentiert Tytingvag in Halberstadt neben eigenen Titeln auch ihre Versionen von Tom-Waits-Songs (der unter anderem ein Liebeslied für sein Auto geschrieben hat) und Cole-Porter-Klassikern wie „Let’s do it (let’s fall in love)“ und „My heart belongs to Daddy“.

Letzteres sei, so verrät sie, „auch wenn es idiotisch klingt“, der vielleicht wichtigste Song ihres Lebens. „Mein Vater hat für Kunst wenig übrig. Er hasst Jazz. Als ich ihm erzählte, ich wolle in London Jazz studieren, hat er gesagt: Muss es unbedingt Jazz sein?“ Aber die Botschaft von „My heart belongs to Daddy“ („Mein Herz gehört Papa“) wird ihn überzeugt haben.

Die Herzen der Halberstädter im voll besetzten Theater gehörten an jenem Abend allesamt dieser jungen, gut gelaunten Frau mit dem zungenbrecherischen Namen. Die Lebensfreude, die klare, facettenreiche Stimme, die Poesie der Texte: Randi Tytingvag setzt auf einen ganz eigenen Stil, eine Eigenwilligkeit, die Musik bleibt aber trotzdem absolut eingängig, leicht und hörenswert. Das Publikum singt mit ihr vergnügt „Lalalala“ (und wird gelobt), später seufzen die Halberstädter gemeinschaftlich, als die Sängerin ihren letzten Titel ankündigt; sie klatschen, jubeln und stampfen sich Zugaben herbei. „Ihr gebt nicht auf, oder?“, fragt Tytingvag erfreut über so viel Begeisterung und lässt sich gern zu einem allerletzten und einem allerallerletzten Song überreden.

Nach der Pause mit „Pure Desmond“ im Foyer wird es merklich kühler auf der großen Bühne. „Beady Belle“ haben es nach Tytingvags herrlich herzlichem Trio nicht leicht. Sängerin Beate S. Lech, Bassist Marius Reksjø, Schlagzeuger Erik Holm, Keyboarder Jørn Øien und Gitarrist Tommy Kristiansen geben sich betont professionell und distanziert. „Ich bin nicht die Person, die Witze macht, besonders nicht auf Deutsch“, sagt Beate S. Lech entschuldigend und schweigt einfach, bis ihre Bandkollegen bereit sind für den nächsten Titel.

Zu hören gibt es Songs des aktuellen Albums „At Welding Bridge“. „Beady Belle“ machen energiegeladenen elektronischen Jazz – mit guten Portionen Funk und Soul. Die Stimme der Sängerin ist abwechslungsreich und kraftvoll, die Musik ausgesprochen tanzbar. Im sitzenden Zustand auf den Theaterstühlen sind leider nicht viel mehr als Fuß-Gewackel und Oberschenkel-Getrommel drin. Erst kurz bevor „Beady Belle“ die Bühne wieder verlassen, scheint der Funke ins Publikum überzuspringen – doch die fast schon gebrüllten Gesangsimprovisationen der Beate S. Lech im letzten Song waren zu spät gezeigte Emotionen.

Als „Beady Belle“ längst wieder zuhause in Oslo angekommen sind, schlendern Randi Tytingvag und ihre Bandkollegen noch gemütlich über den Domplatz und zum John-Cage-Projekt in der Burchadi-Kirche. Sie will wieder kommen, vielleicht. Schön wär’s. Dann müssen wir gar nicht auswandern.Dana Toschner“