Halberstadt jazzt französisch

Renaud Garcia-Fons
Renaud Garcia-Fons

Stadtmagazin MARTINI 01/2012:

Das Halberstädter Musikforum lädt am 14. April 2012 zur 13. Jazznacht ein. Mit dem Bassisten Renaud Garcia-Fons (Foto oben) und der Band „NoJazz” stehen Musiker aus Frankreich auf der Bühne, die für einen abwechlungsreichen Abend sorgen. Der Vorverkauf hat begonnen. Das Halberstädter Musikforum, das die Jazz-Nacht organisiert, hat sich für die Suche Zeit gelassen. Mit dem Bassisten Renaud Garcia-Fons und der Gruppe „NoJazz” stehen zwei ausgesprochen unterschiedliche Vertreter der französischen Jazz-Szene auf der Bühne. Nach der amerikansischen Nacht 2010 und der norwegischen 2011 bleibt das Musikforum seiner Tradition treu und widmet seine Jazz-Nacht erneut einem Land.

Der Bassist Renaud Garcia-Fons hat die verschiedensten Arten von Musik studiert und eine etwas aus dem Rahmen fallende Ausbildung genossen: Klassik, Jazz, orientalische Musik. Das bewirkte, dass er sich heute auf ganz unterschiedlichen Terrains bewegt. „Was mein Spiel auf dem Kontrabass besonders charakterisiert, ist, dass ich häufig den Bogen einsetze. Es hat mich immer sehr fasziniert, den Bass zum Singen zu bringen”, sagt Renaud Garcia-Fons.

 

Doch die Trickkiste des Klangmagiers aus Frankreich hält noch mehr bereit: eine fünfte hohe Saite. Die montierte Garcia-Fons Mitte der 80er auf seine Standgeige und verwandelt den Bass damit in ein ausgewachsenes Soloinstrument.

 

Von Kind auf bewegt sich Renaud Garcia-Fons im Spannungsfeld verschiedener Kulturen. Er kommt am 24. Dezember 1962 als Sohn spanischer Emigranten nahe Paris zur Welt. Die katalonischen Eltern machen ihn früh mit der Musik ihrer alten Heimat vertraut.

 

Mit fünf Jahren schickt sich Garcia-Fons an, seine Hör-Erfahrung in die Praxis umzusetzen. Er nimmt Klavier-Unterricht, wechselt jedoch nach einiger Zeit zur klassischen Gitarre. Im Alter von 16 Jahren entdeckt der junge Musiker jedoch sein Instrument fürs Leben: den Kontrabass. Am Pariser Konservatorium studiert er das Instrument.

 

Sein Lehrer, der syrische Bassist François Rabbath, weiht ihn in das musikalische Vermächtnis des vorderen Orients ein und beeinflusst damit Garcia-Fons’ Werk nachhaltig. Während dieser Zeit spielt Renaud Garcia-Fons zudem in der Big Band des Trompeters Roger Guerin. Hier arbeitet er mit den Schlagzeug-Koryphäen Kenny Clarke und Sam Woodyard zusammen.

 

Das Training zahlt sich aus. Mit 21 gewinnt er eine Reihe von Musikwettbewerben der Städte Aubervilliers und Paris. Das französische Kulturministerium erteilt ihm daraufhin einen Professoren-Titel.

Von diesem Zeitpunkt an geht Garcia-Fons eigene Wege. Er möchte den Bass aus seinem Schatten-Dasein als Begleitinstrument befreien und versucht sich an experimentellen Improvisationen. Um den klanglichen Horizont des Instruments zu erweitern, fügt er den herkömm­lichen vier Saiten eine weitere hinzu. Diese Innovation macht ihn berühmt und bringt ihm den Beinamen „Paganini des Kontrabasses” ein.

 

Kein Wunder, dass sich auch Frankreichs Orchestere National de Jazz für den Ausnahmekünstler interessiert. Anfang der 90er-Jahre greift er für die Institution in die Saiten. Danach folgt eine Vielzahl inspirierter CD-Veröffentlichungen. Den Beginn markiert 1992 das Album „Légendes”.

Zumeist vertont Renaud Garcia-Fons seine eigenen Werke. Dabei gelingen ihm orchestrale Arbeiten ebenso wunderbar, wie die Aufnahmen mit seinem Trio – zu dem noch der Gitarrist Antonio Ruiz und der Percussionist Pascal Rollando gehörten. In dieser Besetzung wird Renaud Garcia-Fons auch in Halberstadt auf der Bühne stehen.

 

Im zweiten Teil der 13. Jazz-Nacht werden „NoJazz” zu erleben sein. Einen unpassenderen Namen als diesen hätte sich die Formation, die laut der französischen Tageszeitung „Le Monde” als die „Zukunft des Jazz” gehandelt wird, schwerlich auswählen können. Die Ent­scheidung erweist sich dennoch als nachvoll­ziehbar, liefern die fünf Franzosen doch weit mehr als „nur” Jazz.

 

Mit dem neuen Jahrtausend wächst in Paris die Einsicht: Frischer Wind muss auf den Dancefloor. In diesem Sinne finden sich fünf junge Herren, die sich bereits, jeder für sich, in ganz unterschiedlichen musikalischen Bereichen einen Namen machten. Michael Chekli, als DJ Mike bei NoJazz an den Decks, stellt beispielsweise eine zentrale Figur der Pariser Hip Hop-Szene dar, während Saxophonist Philippe Selam (kurz Slam) zuvor unter anderem mit dem Pianisten und Big Band-Leader Gil Evans zusammen arbeitete. Der zweite Philippe im Bunde, Philippe „Balat” Balatier, verdient seine Brötchen eigentlich mit Kompositionen für Werbefilme; er bringt (neben einer Vorliebe für James Brown und die Propellerheads) Keyboards und Sampler mit. Guillaume Poncelets Trompete erschallte bisher in den unterschiedlichsten Kontexten. Nach seinem Studium am Pariser Konservatorium spielte er mit Frank Zappas ehemaligem Posaunisten Glenn Ferris ebenso, wie in den Reihen von Reggaebands und Elektronik-Projekten, neben der Trompete auch gerne Fender Rhodes. Fehlt noch Bassist und Schlagzeuger Pascal Reva, und „NoJazz” sind komplett.

 

Der Sound von „NoJazz” erweist sich als ebenso vielseitig wie die Hintergründe der Beteiligten: Dominierende jazzige Bläsersätze treffen auf amtliche Scratches, funklastige Rhythmen auf eingängige Hooklines; der Cocktail wird zudem mit immenser Spielfreude serviert.