Nach der Gänsehaut gab's was auf die Ohren

Stadtmagazin MARTINI 05/2012 (Vorabveröffentlichung)

13. JAZZNACHT: Phantastische Musik aus Frankreich sorgte für ein ausverkauftes Theater und ein beeindrucktes Publikum. Ein abwechslungssreicher Abend mit Renaud Garcia-Fons und „NoJazz“.

Renaud Garcia-Fons
Renaud Garcia-Fons

Zunächst ist es Dank, der einen beschleicht. Die 13. Jazznacht verlangt danach. Sie war ein Erlebnis, das hier nicht selbstverständlich ist. Französischer Jazz ist ein Experiment. Das in der Provinz zu wagen, ist riskant. Das Musik-Forum hat es dennoch gewagt.


Wer kennt schon Renaud Garcia-Fons oder „NoJazz“? Der eingefleischt Jazz-Freak vielleicht. Aber wer ist das schon? Sie geben zwar Konzerte in den Metropolen dieser Welt. Von den rund 600 Gästen der 13. Jazznacht wären aber sicher nur sehr wenige von Neugier getrieben und dorthin gereist. Das könnte sich nach dieser Jazznacht ändern. Denn was Renaud Garcia-Fons und „NoJazz“ in Halberstadt boten, war ein außergewöhnliches Konzerterlebnis.


Man könnte jetzt versuchen, tiefsinnig die unterschiedlichen Spielweisen von Renaud Garcia-Fons zu analysieren oder zu erläutern, nie würde man aber das beschreiben können, was dieser Mann mit seinem Kontrabass anstellt. Mal zupft er ihn, mal streicht er ihn, mal zwickt er die Saiten, mal reibt er sie, mal scheint er sie zu kitzeln, mal wirkt es wie Gitarrenspiel.


Das Publikum jubelte, ja tobte fast, wenn Garcia-Fons das Spiel veränderte und immer wieder neue Klänge dem ehrwürdigen Kontrabass entlockte. Und das nicht etwa schräg, experimentell und nervend, wie das der Laie beim Jazz schnell vermutet. Garcia-Fons macht eingängige Musik. Begleitet von Gitarre, Percussion und Akkordeon entsteht etwas, das keinen der 600 Zuhörer stillsitzen ließ. Es wurde warm, hitzig. Urlaubsgedanken machten sich breit. Gänsehaut krabbelte den Nacken hoch.


Gänsehaut bekam man auch als „NoJazz“ auf die Bühne traten. Das lag aber zunächst nicht an der Musik. Ihr schrilles Bühenoutfit trieb einem Tränen in die Augen. Silberne Hosen,  rosafarbene Hemden, weite Sesamstraßen-Samson-Hosen und knallenge, grellgelbe Polyester-Shirts sind gewöhnungsbedürftig. Doch die fünf Herren bliesen einen mächtig frischen Wind durchs Auditorium, das gehörig welche auf die Ohren bekam. Es wurde laut. Schön laut.

„NoJazz“ verstehen unter Jazz – wie der Name schon vermuten lässt, etwas anderes als der gemeine Zuhörer. Sie produzieren mit Schlagzeug, Gitarre, Trompete, Saxofon und zahlreichen Tasten, Knöpfen oder Reglern an Computer, Keyboard und Mischpult eine undefinierbare Mischung aus Hip Hop, Funk, Soul und House, gepaart mit Salsa und Reggae. Das sagt dem Laien wenig. Aber wie soll man es sonst beschreiben. Es ging ab, es machte Spaß und die Mannen von „NoJazz“ hatten selber auch Spaß. Was will man mehr. Am Ende stand das Publikum zwischen den engen Theaterreihen und tanzte. Darunter sicher auch der eine oder andere, der schon seit Jahren kein Tanzbein mehr geschwungen hat.


Das Musik-Forum e.V. hat als Veranstalter der Jazznacht wiederholt Mut bewiesen. Wie schon im vergangenen Jahr, als man sich mit Randi Tytingvag und „Beady Belle“ aus Norwegen weit ab vom Mainstream-Jazz bewegte, ist den Halberstädtern in diesem Jahr erneut eine Auswahl gelungen, die von viel Kenntnis und Sachverstand zeugt. Das ausverkaufte Haus gibt ihnen recht. Und es ist ihnen gelungen, erneut eine große Schar an Sponsoren von ihrem Vorhaben zu überzeugen, ohne die solche Konzerte und moderaten Eintrittspreise unvorstellbar wären. Das verdient Dank und sorgt für Vorfreude auf die 14. Jazznacht, die am 20. April 2013 auf dem Programm steht. mak